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Auf Entzug – Festival-Junkies während der Pandemie Part II

Ein paar wenige Events, wie Harmony of Hardcore und Dropzone, haben uns eine kleine Dosis von dem gegeben, was wir so lange schmerzlich vermisst haben. Kurz durften wir den Traum über den Festivalsommer 2021 leben, doch bevor er wirklich gestartet ist, ist die Hoffnung auf Weekend-Festivals schon wieder verpufft. Obwohl es noch eine Chance für Ein-Tages-Events gibt, sind wir gefühlt fast wieder da angekommen, wo wir uns in den letzten Monaten befunden haben: Mitten im Entzug. Erneut stellen wir die Frage: Wie geht es den Festival-Junkies, die sonst jedes Wochenende auf einer Party verbracht haben? Haben sie mittlerweile neue Leidenschaften gefunden oder fiebern sie immer noch auf den Moment hin, in dem es endlich wieder los geht?

Victoria Schwend (22, Wertheim, BW): “Parties sind eine Art Therapie und als das wegfiel, bin ich in ein Loch gefallen”

Zu Beginn der Pandemie war ich sehr positiv eingestellt und habe besonders die Anfangszeit dafür genutzt, Fitness-Workouts zu machen, Tanz-Choreografien zu lernen, mich zu schminken und künstlerisch zu werden. Außerdem liebe ich die Fotografie und habe zuhause versucht, durch Festivaloutfits und -Make-Ups den Vibe auf meinem Instagram-Profil beizubehalten.

Das hat mir vor allem dann richtig Spaß gemacht, als ich unter anderem den Stream von Da Tweekaz “TweekaTV” für mich entdeckt habe. Auch wenn das natürlich kein Ersatz für echte Partys ist, ist es immer wieder schön, Menschen aus verschiedenen Ländern im Zoom-Call zu sehen und zu spüren, wie viel Spaß es jedem macht, sich in dieser schwierigen Zeit zu connecten. Sogar meine Eltern konnte ich dadurch von Hardstyle überzeugen.

“Letzten Sommer habe ich versucht, alle Events mitzunehmen, die gingen.”

Letzten Sommer habe ich natürlich versucht, alles mitzunehmen, was geht. Ich war in der MyZeil bei der Escalator Edition, bei Electrisize, im World Club Dome Autokino und mehrere Abende in der Lanxess Arena bei “Arena Now”. Die Events, bei denen ich mich relativ frei bewegen konnte, haben mir gut gefallen. Ich war einfach froh, wieder mit meinen Freunden etwas erleben zu können, die Menschen zu sehen, die man auf Festivals kennen gelernt hat, und die Musik live zu fühlen.

Nicht gefallen hat mir persönlich das Autokino, einfach weil ich ein Problem damit habe, bei meiner Lieblingsmusik still sitzen zu bleiben. Die Leute zu sehen, unbeschwert miteinander zu tanzen und die Verbindung mit allen zu fühlen, hat mir beim Autokino extrem gefehlt.

“Festivals werden in Zukunft einen noch höheren Stellenwert haben, weil ich es mehr zu schätzen weiß.”

Leider muss ich sagen, dass ich im Winter ungewohnter Weise teilweise sehr schlecht gelaunt und depressiv gestimmt war, weil ich durch die Online-Uni nur zuhause saß und mich kaum mit Freunden getroffen habe. Ich weiß, dass für viele Partys eine Art Therapie sind, da man einfach mal vom Alltag abschalten kann. Weil das gefehlt hat, bin ich nach meinen Prüfungen in ein Loch gefallen. Aber “what doesn’t kill you makes you stronger” und so bin ich wieder zu meiner positiven Energie gelangt.

Aus dieser Zeit nehme ich deshalb mit, dass man für jeden Moment, jedes Event und die Personen, die man dort kennenlernt, dankbar sein muss. Deswegen denke ich, dass Festivals in Zukunft einen noch höheren Stellenwert als vorher für mich haben werden, da ich es mehr zu schätzen weiß. Besonders wenn man ein richtiger Festival-Junkie war, war dieses Partyleben davor schon fast selbstverständlich für einen. Vielleicht gehe ich zum Electric Love Festival, wobei sich die Vorfreude darauf in Grenzen hält, weil man eben nicht sicher weiß, ob es stattfinden wird. Ich wünsche mir sehr, dass ich meine Hobbies bald wieder mit Festivals verbinden kann und vor allem, dass wir alle wieder vereint und unbeschwert auf Festivals die Musik erleben können!

Anna Odra (35, Karlsruhe, BW): “Ich bin schwanger – und war bei Dropzone!”

Bei mir hat sich während der Pandemie einiges getan. Und ich befürchte, ich werde erstmal kürzertreten, wenn alles wieder richtig anfängt… Die erste Zeit der Pandemie habe ich tatsächlich noch Streams geguckt, mich am Wochenende illegaler Weise mit den Festival-Freunden aus der Umgebung getroffen und die größeren Events gefeiert. Zum Beispiel haben wir letztes Jahr mit zehn Leuten ein Decibel-Camp aufgebaut – ohne Decibel-Stream, weil es komplett im Niemandsland war.

Auf Autopartys bin ich nicht gegangen, aber ich bin ein paar Mal zu Phoenix 100 nach Gemert gefahren, was eine zwar kurze, aber immer noch bessere Alternative für mich war, als Streams – die habe ich dann immer weniger geguckt. Wenn ich einen Stream anmache, läuft er nur nebenbei während ich putze, koche oder ähnliches. Mein Freund hat in einer 17er WG gewohnt, somit hatten wir zum Glück immer genug “Party” – nur leider ohne gute Musik, eher mit saufen.

“Mein Freund wird mit dem Kind bleiben, damit ich auf Festivals gehen kann.”

Ich hatte schon vorher viele Hobbys, wie Wandern, Fotografieren und Kraftsport. Die Zeit habe ich auch dementsprechend genutzt. Letztes Jahr war ich in Athen, Slowenien und Polen und habe einige Orten in Deutschland besucht. Wir sind viel gewandert, haben Sightseeing gemacht und Neues entdeckt.

Mit meinem Freund hatte ich 2019 einen Plan ausgearbeitet, 2020 noch auf die Pauke zu hauen und alle möglichen Festivals mitnehmen. 2021 dann zusammenziehen, am Kind arbeiten und 2022/2023 wieder langsam zu Festivals zurückkehren. Mein Freund weiß, wie viel mir Festivals und die unbeschwerte Zeit bedeuten, deshalb hat er gleich betont, dass er gerne mit dem Kind bleibt, damit ich on Tour gehen kann.

“Die Freude am Feiern war zu groß – auch ohne Alkohol.”

Natürlich haben wir den Plan trotz allem durchgezogen. Wir wohnen seit März zusammen und ich bin dann auch ziemlich schnell schwanger geworden. Anfang Juli waren wir bei Dropzone, was ich besser vertragen habe, als gedacht. Die Müdigkeit war unter Kontrolle und die Freude am Feiern hat überwogen. Auch ohne Alkohol habe ich sehr viel Spaß gehabt. Ich hatte davon geträumt trotz Babybauch zur Decibel outdoor zu fahren, aber da sie abgesagt wurde, machen wir wieder unser eigenes Camp.

Im August gehe ich vielleicht noch auf eine Streetparade-Ersatz-Veranstaltung in der Schweiz und auf private Feiern, bevor ab September der Bauch zu groß sein wird und ich mich intensiv auf meine zukünftige Mutterrolle konzentriere. Ich freue mich jetzt schon darauf, wenn ich wieder auf richtige Festivals kann, denn ich vermisse die Ausgelassenheit, die Musik, die Gemeinschaft aus Festivalfreunden aus aller Welt und den ganzen Spaß extrem!

Wie geht es euch mit den ständig wechselnden Regelungen? Hofft ihr nach wie vor auf jedes möglicherweise stattfindende Event oder habt ihr genug von dem Ganzen und lasst alles einfach auf euch zu kommen? Schreibt es uns gerne in die Kommentare!

Nicht nur wir persönlich leiden unter Festivalentzug, sondern die gesamte Branche. Wie der deutsche Veranstalter “BASSQONTROL” die Pandemie erlebt und überlebt (hat), erfahrt ihr hier.

Leo S
“This is the Sempiternal Uprising"

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